Moritz, ein sehr schüchternes Kind, kommt zur Elternkindgruppe. Er hat einen schönen intensiven Kontakt mit seiner Mama, nimmt aber keinen Kontakt zu anderen Kindern oder mir auf. Blickkontakten weicht er aus. Dann, eines Tages, wagt er doch einen erst zögerlichen, dann langen, offenen Blick zu mir – vorsichtig, suchend, fragend, fast ins unendliche gehend, so empfinde ich. Ich bleibe offen, annehmend, weit und liebevoll, etwas, was ich nicht steuern kann, schwingt auch noch mit und ich wünsche, dass er eine Antwort finden möge.

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Im Rahmen meiner körpertherapeutischen Ausbildung (SKAN) konnte ich nachempfinden, wie wichtig eine präsente, wohlwollende, fühlende Resonanz im Blickkontakt für einen Säugling ist, von Anfang an ist.

Dadurch entsteht Vertrauen und der Boden für die weitere Entwicklung; vor allem für sein Schauen in die Welt; für die Bereitschaft, Eindrücke aufzunehmen; für die Bereitschaft nach außen zu gehen, in Kontakt zu gehen und mit dem eigenen Ausdruck in die Welt zu gehen.

Bekommt ein Baby nicht genügend Resonanz, und dabei ist natürlich nicht der reine Blickkontakt, sondern auch die emotionale Beteiligung entscheidend, ist dies schmerzhaft für das Baby. Erfährt es Ablehnung oder Zurückweisung ist es für das Baby beängstigend oder sogar bedrohlich. Macht es diese Erfahrung immer wieder, tut es alles, um nicht mehr fühlen zu müssen. Und dies ebenso, wenn es etwas schreckliches oder bedrohliches sehen und erleben musste. Es nimmt seine Augen förmlich zurück, nach hinten, nach innen. Die Muskeln um den Augapfel herum versteifen sich, das Blickfeld wird kleiner, der Blick starrer und ausdrucksloser. So entsteht eine Panzerung im Augensegment, wie es W. Reich genannt hat, einer von vielen Kanälen, wo Panze- rungsstränge entstehen, um nicht mehr so viel fühlen zu müssen. In dem Fall ein notwendiger Schutz. Es bleibt nicht beim Auge allein. Die Verspannung geht weiter über Kopf, Nacken, Schultern, kann bis zum Zwerchfell gehen, der Atem wird flacher. Und damit wird auch das innere Erleben blasser, es tut nicht mehr so weh.

In extremen Fällen mit starker Zurückweisung können sogar Charakterstrukturen entstehen, wo ein Kind sich ganz der Welt entzieht, sich nicht mehr traut zu fühlen und sogar das Recht auf Existenz nicht zu haben glaubt. Wo sein ganzes inneres Erleben und Fühlen auf Spar- flamme geschaltet ist, quasi eingefroren ist.

In meinem eigenen Prozess konnte ich bei der Arbeit mit den Augen solche Erfahrungen spüren. Aber nicht nur die traumatischen Erfahrungen tauch- ten auf, sondern auch die Offenheit dahinter, die Zartheit, Verletzlichkeit, Sehnsucht und Liebe, die nach Resonanz, nach Antwort im menschlichen Gegenüber suchten.

Als ich aus einem solch offenen, säuglingshaften Zustand mit geschlossenen Augen – in dem ich mich wohl fühlte und sich der ganze Körper fein, weit und durchlässig anfühlte – die Augen öffnen sollte, war mir dies anfangs fast unmöglich. Als es dann ging, kam sofort Angst, fast Panik hoch, ein Gefühl von ausgeliefert sein und allein sein. Ich spürte noch einmal, wie schmerzhaft es war, die Leere, das Alleinsein zu ertragen, wie auch die Enttäuschung, die Wut und Verzweiflung. Ganz langsam, im Kontakt mit den liebevoll präsenten Augen des The- rapeuten änderte sich mein Zustand wieder, konnte ich mich wieder beruhigen, entspannen, weit werden und Vertrauen finden. Ein körperliches Wohlgefühl auch im Blickkontakt trat ein. Damit wurde etwas geheilt, zumin- dest fühlte es sich für mich so an. Und so wird wohl das Erleben eines Babys im fühlenden Blickkontakt mit der Mutter sein – schön!

Im weiteren Verlauf der Therapie gab es Situationen, wo mich überschäumende Freude erfasste, als meine Augen, wieder von innerer Kraft her getrieben, schauen wollten und der ganze Körper dabei offen bleiben und alle Eindrücke zulassen konnte. Es war wie ein neues Sehen – die Zartheit der Blume im Raum, das Schattenspiel an der Wand, die eigene Hand – berührende Momente, in denen ich mit der Zartheit und Feinfühligkeit des inneren Erlebens eines Kindes in Berührung kam.

Durch wiederholte Erfahrungen dieser Art werden alte Muster aufgelöst und neue Bahnen geschaffen. Die Bereitschaft in Kontakt zu gehen wächst, nicht nur in schönen und wohlwollenden Kontakten, sondern jeg- lichen, auch herausfordernden und schwierigen Situ- ationen, in denen eine adäquate Antwort aufs Leben gefunden werden muss.

Der offene, fragende und suchende Blick des Kindes – was da genau von uns gefragt ist, lässt sich schwer in Worte fassen. Offenheit, Präsenz, Wärme, Wohlwollen, Akzeptanz, Bereitschaft – es ist eine Art der Hingabe an den Augenblick, ein fließen lassen.

Letztlich ist unser ganzes Sein, unser ganzes Wesen beteiligt. Es ist die Verbindung zu unserer eigenen Leben- digkeit, aus der die Antwort für ein Kind kommen kann.

Aber nicht nur die fragenden und suchenden Blicke der Kinder brauchen Resonanz – genauso die fröhlichen, lebendigen, blitzenden Augen. Auch die wollen gesehen werden, sonst verblasst die Erfahrung. Gerade diese Ener- gie will ein Gegenüber und will nicht zuletzt auch geben.

Mit Moritz hatte ich immer wieder Kontakte dieser Art, manchmal über weitere Entfernungen. Der Blick- kontakt war meist die Brücke, Vertrauen zu gewinnen, näher zu kommen und mehr ins Spiel mit den anderen Kindern zu finden.

Jedes Mal, wenn wir einem Kind in offenem, wohlwollendem Blickkontakt wirklich begegnen, kann Vertrauen entstehen und bestärkt werden, kann auch ein Stück Heilung geschehen.

Und auch unter Kindern kann es solche heilenden Momente geben: Lisa, ein fast vierjähriges Mädchen, das viel mit Ängsten zu tun hat, spielt ein kleines Kätzchen. Sie hat sich in einem Körbchen mit Tüchern eingekuschelt. Jonas, 6 Jahre, spielt auch eine Katze und schubst sie liebevoll ein bisschen mit der Schnauze. Lisa erschrickt, „nein… sollst du nicht… geh weg…“. Doch Jonas sagt ganz ruhig, „aber ich wollte doch nur deine Mutter sein“. Und er bleibt einfach da und schaut sie an, offen und liebevoll – lange. Ein solcher Blick, der in die Tiefe geht…. „darf ich?“… Ein zaghaftes „Ja“, und ganz vorsichtig und behutsam nähert sich Jonas wieder und berührt sie… wieder und wieder… bis sie es genießen kann und die beiden miteinander kuscheln.

Text als PDF zum Download: Schauen

Artikel erschienen in der Zeitschrift Mit Kindern wachsen
mit freundlicher Genehmigung des Arbor Verlages