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Neulich habe ich mir einen Stoff gekauft, nur ein kleines Stück, für ein Cacheur. Doch zu hause hielt ich mir den Stoff vor dem Spiegel noch einmal vor und fand, da müsste eigentlich ein Top draus werden, das sähe viel besser aus. Nur, der Stoff reichte nicht und mehr gab es auch nicht. Eine Frau nach mir hatte den ganzen Rest aufgekauft. Erst war ich enttäuscht und mein ursprüngliches Vorhaben gefiel mir gar nicht mehr. Es ließ mich aber nicht los, ich hielt mir den Stoff immer wieder vor, es wäre doch so schön … Auf einmal hielt ich ihn schräg, das sah sogar noch besser aus und dann kam die Idee ins rollen: so bleibt mehr am Rand übrig, das könnte ich anstückeln. Und ich begann zu messen, einen Schnitt zu entwerfen und probierte so lange hin und her bis ich den Stoff optimal verwendet hatte. Ich stieg ein in einen typisch kreativen Prozess. Es trieb mich immer weiter, bis ich es passend hatte. Das ganze war von enormer Antriebskraft und einer pulsierenden Energie begleitet, die in der Kreativitätsforschung “Flow“ genannt wird.

Und es reichte doch! Daraus ist dann eines meiner Lieblingsstücke geworden.

In der Kreativwerkstatt beobachte ähnliche Prozesse bei den Kindern. Da taucht eine Idee auf, sie wollen etwas bauen und gehen auf die Suche nach dem passenden Holzstück. Aber nicht immer gibt es die genau passenden Stücke. Vielleicht eins, zwei, das dritte fehlt. Oder sie haben viel Energie in das Anbringen von Rädern gesteckt und dann bewegen sie sich nicht. Oder die Statik stimmt nicht, etwas bricht ab oder zusammen.

Manchmal sind sie enttäuscht, mitunter auch ärgerlich. Aber dennoch bringen sie eine fast unendliche Antriebskraft mit, es immer wieder zu probieren, zu verändern, herauszufinden was es braucht. Es muss gesägt werden, etwas anderes genommen werden, oder das ganze Projekt verändert sich, es entsteht etwas neues daraus… Letztlich wird es aber fast immer befriedigend.

Mona baut z.B. ein Labyrinth, in dem Kugeln zwischen Holzbrettchen und manchmal auch unten durch ihren Weg finden sollen. Während des Bauens ist sie sehr begeistert. Dann ist es fertig und es kommt der spannende Moment es auszuprobieren. Aber es klappt nicht. Sie hat die Dicke der Kugel nicht richtig bedacht und die Hölzchen an zwei Stellen zu eng geklebt. Sie ist total enttäuscht und zieht sich damit in eine Ecke zurück. Nach einer Weile jedoch kommt sie strahlend wieder: „Ich hab ein neues Spiel erfunden: hier müssen die Kugeln einfach springen, und da noch mal!“ Und das klappt!

Emma wollte an der Malwand eine Prinzessin malen und fing von unten, von den Füßen her an. Auf einmal ein Aufschrei: „o je, der Kopf passt nicht mehr hin.“ Doch noch bevor ich mit der Idee, ein Blatt oben dran zu hängen kam, hatte sie schon eine andere Lösung: „Macht nichts, dann schaut sie halt hier herum“, und malte den Kopf kurzerhand an die Seite.

Nicht immer geht es so leicht. Anna hatte als sie anfangs in der Kreativwerkstatt war oft heftige Wutanfälle wenn etwas nicht funktionierte und das war sogar recht oft der Fall. Dann flogen auch schon mal die Dinge in die Ecke und sie vergrub ihren Kopf weinend in ihren Armen oder warf sich verzweifelt auf den Boden.

Es brauchte viel einfühlsame Begleitung und Ermutigung damit sie es schaffte, sich immer wieder aufzuraffen, weiter zu machen oder etwas neues zu probieren. Stück für Stück hatte sie kleine Erfolge und kam vor allem in den befriedigenden Fluss des Tuns. Dies ließ sie mehr und mehr Vertrauen finden. Inzwischen kommt sie schon mehr als 4 Jahre in die Kreativwerkstatt und erfindet alles mögliche, zum Teil ganz originelle Dinge, wie z.B. ein Flugzeug mit Luftballonantrieb, das sogar ein Stück flog. Und manchmal hat sie eine enorme Geduld und Ausdauer bis es so wird wie sie es möchte. Neulich verkündete sie sogar stolz: „ich mache das Unmögliche möglich“.

Damit sich eine solche Kraft entwickeln kann brauchen die Kinder viel Freiraum zum entdecken und experimentieren. Raum und Material, etwas selbst herauszufinden, von Anfang an.
In der Kreativwerkstatt bauen oder malen oder tonen die Kinder oder was auch immer sie tun auf experimentelle Weise. Da gibt es kein richtig oder falsch und es heißt nicht, das geht so oder so. Sie bekommen wohlwollende Anerkennung und Wertschätzung für ihr Tun und keine Bewertung, denn diese würde nur bremsend wirken. Wenn ein Kind begeistert seine gemalte Katze zeigt, ist das auf jeden Fall Anerkennung wert, auch wenn es vielleicht gar nicht nach einer Katze aussieht. Da wäre jeglicher Komentar nur hinderlich. Manches sieht vielleicht erst einmal etwas chaotisch aus. Aber es entwickelt sich doch eine Fertigkeit und bei vielen Kindern auch ein ästhetisches Gespür wie von selbst. Um zu einem befriedigenden Gefühl zu kommen ist meist der Prozess wesentlich, nicht unbedingt das Endprodukt.

Und ist es nicht im Leben genauso?
Das Leben und die Lebensumstände sind nicht immer perfekt – es gibt immer etwas zu entwickeln, mit dem nicht perfekten zurecht zu kommen. Dies fordert uns heraus kreative Lösungen zu finden und neues zu entwickeln.
Das Streben nach Perfektionismus ist auch nur ein Konstrukt unserer Gesellschaft – und uns von daher mit in die Wiege gegeben – das Leben an sich ist es nicht.

Als Heilpädagogin komme ich immer wieder mit Kindern in Kontakt, die Schwierigkeiten haben, deren Lebensumstände alles andere als perfekt sind. Wie gerne hätten die Eltern ihnen etwas anderes bereitet, eine perfekte Familie, mehr Kontakt mit dem getrennt lebenden Vater, mehr Zeit für sie zur Verfügung zu haben, weniger Streit in der Familie…. Oder eine bessere Schulsituation… Doch die Realität ist einfach nicht so. Wir können nicht immer die perfekte Umgebung zur Verfügung stellen. So ist es für die Kinder (und nicht nur im heilpädagogischen Bereich) wichtig, dass sie Unterstützung bekommen, auch in schwierigen Umständen eine Kraft zu entwickeln, um damit fertig zu werden, und vielleicht sogar etwas neues in sich zu entdecken. Kreatives Tun und eine kreative Haltung insgesamt fördert die Entwicklung dieser Kraft.

Für mich selbst ist immer wieder wichtig, diese prickelnde, lebendige Energie zu spüren. Dies ist für mich Antriebskraft wie auch quasi die Bestätigung, dass ich auf dem „richtigen“ Weg bin, auf dem Weg ins Lebendige.
Vor Herausforderungen zu stehen regt etwas an in mir, ruft Antworten in mir wach.

Wie Rilke es so schön formulierte in einem Gedicht: 
„Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hinein“
Und so wachsen auch unsere Kinder jeden Tag ein Stückchen weiter in ihre Lebensaufgabe hinein.

Text als PDF zum Download: Es muss nicht immer perfekt sein

Artikel erschienen in der Zeitschrift Mit Kindern wachsen
mit freundlicher Genehmigung des Arbor Verlages