Beispiele aus der gestaltorientierten Arbeit mit Kindern

Nils hatte Ängste – in der Schule und auch vor Kindern. Er wollte nirgendwo ohne Mutter bleiben, nicht einmal bei Freunden – und er wollte nicht mehr in die Schule gehen.

 

welker_artikel_0712_1Warum eigentlich, war nicht klar, einen konkreten Anlass oder Vorfall gab es nicht.

Nils Mutter bringt ihn in die Kreativwerkstatt und sagt gleich zu mir: „Heute ist keine Chance, heute bleibt er bestimmt nicht alleine hier“. – Muss er auch nicht. Die beiden sind zu früh gekommen, ich habe noch eine andere Stunde im Nebenzimmer. Wie so manches Mal erweisen sich Zufälle als hilfreich und ich lasse die beiden im Raum zurück. Sie können sich zusammen zehn Minuten einfach umschauen. Als ich zurückkomme, läuft Nils auf mich zu und sagt: „Der Sandkasten sieht so aus, als wenn man dort Sachen ausgraben kann.“ Er ist tatsächlich fündig geworden, ich hatte es vorher nicht geschafft, den Kasten wieder ganz aufzuräumen – in dem Fall, welch ein Glück. Nils sucht weiter und findet zu jedem Teil eine Erklärung, warum es im Sand gelandet ist. Ich sitze bei ihm, begleite ihn, höre ihm zu. Er hat hineingefunden. Und die Mutter darf gehen.

Beiläufig sage ich: „Man kann in diesem Kasten auch etwas bauen“. Nils findet, der Sandkasten sei eine Wüste und sortiert aus, was dazu passt und was nicht. Dann braucht er Menschen. Lange sucht er im Zubehör und findet nicht die richtigen – dann doch, Ritter, „die sind nützlich“. Es entsteht eine Szene, in der zwei Ritter in einem Indianerzelt wohnen, das er mit einem dichten Zaun aus Stäben umgibt. Das reicht aber nicht als Schutz, er baut einen großen Wall aus Büschen und benutzt alle die er finden kann. Es soll ganz dicht werden! Zwischen den beiden Wällen stehen als Schutz viele weitere Ritter. Draußen vor den Wällen sind zwei Löwen und eine Schlange positioniert. Auch diese haben Schutzfunktion für die Menschen im Zelt, genauso wie lauter kleine Eidechsen. Hinter einer Verschanzung platziert er gefährliche Ritter, die die anderen angreifen wollen. Aber Löwe und Schlange vertreiben sie gemeinsam. Immer wieder wird die Szene von Angriff und Verteidigung gespielt. Schließlich schaffen es die feindlichen Ritter einzudringen. Sie kommen aus einem Busch hervor, in dem Rosen blühen, das hätte keiner gedacht! Hier möchte Nils aufhören und macht noch etwas Musik. Am Ende der Stunde sagt er: „Hier will ich wieder hinkommen“.

Für weitere 15 Stunden kommt Nils mit einem anderen Jungen zusammen. Der Sandkasten bleibt das Hauptspielmittel. Zunächst spielen die beiden Kinder meist nebeneinander her. Länder werden abgegrenzt, im Land von Nils gibt es ähnliche Szenen wie vorher: Verbarrikadierung, dicke Schutzmauern und Schutzwälle, mit allem was er nur dazu finden kann sowie Helfertiere, mit denen die Angriffe, die er selbst spielt, bewältigt werden.

Als aber dann Oles Hai einen Tiger von ihm angreifen will, bricht er fast in Panik aus: „Nein das darf der nicht“. Ole reagiert nicht darauf. Nils zieht sich zurück und sucht nach Regeln von mir. Ich versuche jedoch, ihn auf der Spielebene zu unterstützen, erinnere ihn an seine schlauen Helfertiere, und frage, ob denen nichts einfällt. Erst nein, doch dann hebt er den Löwen in die Luft über den Hai und ruft mit lauter Stimme, was ihn sichtlich viel Kraft und Überwindung kostet: „Fangverbot“. Das wirkt, Oles Hai zieht sich zurück und Nils ist erleichtert, körperlich spürbar, atmet tief durch und freut sich, er hat es geschafft. Ein wenig später macht er Musik, trommelt laut, springt dazu und freut sich!

Ab jetzt will er sogar von Ole angegriffen werden und probiert sich in immer neuen Abwehr- und Kampfmechanismen aus. Er hat ganze Helfertierkolonien, meist kleine Tiere, Vögel in den Büschen, Krokodile in Flussgräben und unterirdischen Höhlen, Eidechsen und kleine Dinosaurier. In einer der nächsten Stunden sind dann auf einmal keine Schutzwälle mehr erforderlich. Die Tiere seien „natürlich geschützt“, wie er sagt, Mauern würden nur die Feinde auf sie aufmerksam machen. Schließlich brauchen seine Menschen auch kaum noch Helfertiere, da sie in einer Pyramide mit eingebautem Schutzmechanismus leben. Damit tritt dann auch das Thema Angriffe beiseite und beide Kinder nähern sich an. Aus dem nebeneinander und gegeneinander Kämpfen wird immer mehr ein sich Öffnen füreinander. Die Stunden enden oft in gemeinsamen Spielaktionen oder gemeinsamen Musik machen. So entsteht einmal, ausgehend von einem gelungenen Sieg, ein „Wir sind toll-Lied“.

welker_artikel_0712_2Im weiteren Verlauf werden bei Nils Schätze versteckt und Geheimgänge gebaut. Dabei stößt Nils auf einmal auf defekte Leitungen. Wasser- und Abwasserleitungen sind durcheinander geraten. Über mehrere Stunden gibt es viel zu reparieren, was aber nicht funktioniert. Schließlich sitzt ein kleines Drachenkind in einem Kanal. Das hatte soviel Kacka schlucken müssen, das es jetzt wieder ausspucken musste. Dazu kommt noch ein Zauberer, der ihm eine Frucht bringt, die aber vergiftet ist, auch die muss wieder raus. In dieser Stunde muss Nils auch aufs Klo und erzählt mir dann, wie er vor kurzem (in Zusammenhang mit den Ängsten) heftige Verstopfung hatte, einfach nichts mehr raus wollte, und das so weh getan hatte. Die Stunde endet mit diesen Szenen. In der nächsten sind die Leitungen dann recht schnell repariert. „Jetzt hat es geklappt“ – „und fühl mal, dahinter ist etwas, was das wohl ist?“ Ich fühle die Wand des Sandkastens, sage „hm, weiß nicht recht“ und er: „Ich glaube ein neues Land“. Dabei bleibt es erst einmal.

In der nächsten Stunde nimmt das „neue Land“ dann Gestalt an: eine Schildkröte in einem Teich mit einer bunten Blumenlandschaft, darum herum viele kleine Dinosaurier die dort spielen, und die Schildkröte von einem Ufer zum anderen bringen. Ein buntes und fröhliches Treiben! Es taucht schließlich noch eine neue Spielfigur auf, ein König, ein Herrscher. Der König hat einen Diener, der aber in einer Höhle eingesperrt ist. Der Diener ist entmachtet worden, aber eigentlich ist er der wirkliche Herrscher. Sein Bruder baut einen Geheimgang durch das Gebirge, befreit ihn und sperrt den falschen Herrscher ein. Nils strahlt!

Er hat Kraft gefunden, sein Selbstbewusstsein ist gewachsen, etwas in ihm hat sich gelöst, scheint sich geordnet zu haben – und parallel dazu sind seine Ängste weitestgehend verschwunden, bzw. kann er damit umgehen. Er hat Vertrauen gefunden, erzählt zwischendrin, was ihn beschäftigt, z.B. in der Schule ärgert, womit es ihm nicht gut geht, was er nicht kann.

welker_artikel_0712_3Nils hatte Raum, seinem Spiel freien Lauf zu lassen. Ich war begleitend dabei, spiegelte sein Tun, bestätigte, bestärkte ihn, wenn notwendig, ging mit, fühlte mit, versuchte ihn zu sehen.

Seine Themen konnten symbolischen Ausdruck finden, verschiedene Teile in ihm konnten in Szene gesetzt  und somit aktiviert werden. Vor allem der Helferteil wurde aktiviert, der wissende Teil in ihm, der sieht, wie er mit schwierigen Situationen zurechtkommen kann. Er fand seinen Ausdruck in den vielen Krafttieren, die immer wieder Wege fanden. Ein von innen gesteuerter Prozess nahm seinen Lauf, in dem ich nichts lenkte, sondern unterstützend begleitete. So konnte er im wahrsten Sinne des Wortes ein „neues Land“ finden.

Gestaltarbeit und andere humanistische Spieltherapieformen gehen davon aus, dass der Organismus eine innere Weisheit besitzt, eine selbstregulierende Kraft, die wirksam wird, wenn ihm Raum und bedingungsloses Angenommensein entgegengebracht wird.

Eine innere Kraft, die wirksam wird, wenn die Kinder sich zeigen können und gesehen werden. Entscheidend für mich waren die Stellen, wo ein offener Kontakt, ein fühlbarer Kontakt zwischen uns entstand, jenseits von Worten. Wo ein Feld zwischen uns entstand (und manchmal auch mit dem anderen Kind), wo etwas zwischen uns ins Schwingen kam, mein System auf seins reagierte, was ich nicht aktiv steuern kann. Dies sind Momente, die „geschenkt werden“, die entstehen, wenn ich ganz in meiner Wahrnehmung bin. Solche Begegnungen berühren das Wesentliche in uns und lassen Vertrauen finden. Und Heilung kann geschehen.

Die Geschichte von Nils ist eine von vielen, die ich in meiner Arbeit in der Kreativwerkstatt erlebe. Seit einigen Jahren arbeite ich nun auch als Heilpädagogin. In diesem Zusammenhang  komme ich nun zunehmend mit Kindern in Berührung, die Probleme haben oder aus schwierigen Verhältnissen kommen. Oft sind die Umstände so, wie man sie sich nicht wünschen würde und aus unterschiedlichen Gründen können die Kinder mitunter nicht die notwendige Unterstützung von ihren Eltern bekommen. Immer wieder stoße ich auf Kinder, die es offensichtlich irgendwie alleine schaffen müssen – und können – ihre innere Kraft zu entwickeln, wie sich in manchen ihrer Geschichten zeigt.

Es berührt mich immer wieder zu sehen, wie stark doch die Lebenskraft ist und sich ihren Weg bahnt! Und wesentlich ist, dass auch ich immer wieder dieser Kraft vertraue und mich innerlich damit verbinde.

Für viele Kinder ist die Kreativwerkstatt ein Ort, eine Art Insel, wo sie auftanken können. Ein Ort, an dem auch die leiseren Töne einen Platz haben, die sonst oft nicht gehört werden, was besonders sensiblen Kindern zu schaffen macht. Viele wollen kommen, bis sie groß sind, neulich sagte sogar ein kleines Mädchen, sie komme bis sie stirbt.

Die Kinder finden einen geschützten Raum, in dem sie eine Art Nahrung bekommen, die die inneren Kräfte aktiviert. Anna drückt dies besonders schön aus: In ihren Spielszenen im Sandkasten gibt es immer wieder einen ganz besonders gestalteten Platz mit Blumen, Muscheln, Edelsteinen. Eine Art Kraftplatz, der unterschiedliche Funktionen hat. Mal ist es ein „heiliger Platz“, der zum Heilen von Wunden ist, ein andermal ein Platz, an dem man zu Gott beten kann. Dann ein Platz, an dem Wünsche erfüllt werden, die man so im Geheimen hat, dass man sie nicht laut aussprechen darf. Ein Platz jedenfalls, an dem etwas Besonderes, nicht Alltägliches möglich ist.

 

Text als PDF zum Download: Ein neues Land

Artikel erschienen in der Zeitschrift Mit Kindern wachsen
mit freundlicher Genehmigung des Arbor Verlages